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Atomkriegsgefahr: (K)ein Thema auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos?

von Karl-Heinz Peil, Friedens- und Zukunftswerkstatt e.V. (22.1.)

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos treffen sich seit nunmehr 47 Jahren die sogenannten Entscheider aus Politik und Wirtschaft. Bestandteil dieses Treffens, an dem sich für dieses Jahr ca. 3000 Teilnehmer angemeldet haben, ist auch seit einiger Zeit der jährlich erscheinende "Global Risks Report" [1]. Dieser wurde letzte Woche in seiner 14. Ausgabe für 2019 vorgelegt. Beachtung fand in der internationalen Presse dazu der Hinweis, dass in den aufgeführten Top-Risiken vor allem Klimawandel und (überwiegend damit zusammenhängende) Umweltbelastungen obenan standen. Nicht der Rede wert war aber in vorliegenden Kommentaren offenbar, dass in einer der beiden Charts "Weapons of mass destruction" seit 2017 obenan stehen [2].

Hierzu muss man sich die beiden Grafiken näher betrachten. Die obere Darstellung beinhaltet die Wahrscheinlichkeit (Terms of Likelihood) und die untere Darstellung die Auswirkung (Terms of Impact) von benannten Risiken. Zum näheren Verständnis ist die untere Darstellung für die Jahrgänge der Report-Ausgaben von 2012 bis 2019 als Auszug mit gelben Markierungen näher dargestellt.

Zu sehen ist dabei im Detail:
1. Im Jahresreport 2013 taucht dort die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen an vierter Stelle auf. Erklärbar ist dieses damit, dass die Auseinandersetzung zwischen den USA und Israel mit dem Iran wegen dessen zivilen(!) Atomprogramm sich zuspitzte, was in den Folgejahren zu der Wiederaufnahme der 5+1-Verhandlungen und schließlich 2016 zu dem Atomabkommen mit dem Iran führte.
2. Anfang 2015 tauchen dann die Massenvernichtungswaffen selbst in dem Ranking an dritter Stelle auf, 2016 an zweiter und seitdem an erster Stelle. Dieses ist zweifellos die Rückkopplung des Ukraine-Konfliktes ab 2014.

Zwar erscheint damit die Platzierung im Ranking zunächst als einleuchtend, provoziert jedoch einen prinzipiellen Widerspruch: Dieses Ranking beinhaltet ja nicht die Wahrscheinlichkeit, sondern die Auswirkungen für den Fall, dass darauf basierende Ereignisse eintreten.

Die Bewertung der globalen Auswirkungen eines Atomkrieges wird zwar in den letzten Jahrzehnten von Wissenschaftlern als wesentlich gravierender bewertet als in der Anfangsphase der atomaren Aufrüstung, dürfte aber seit langen Jahren eindeutig als die definitive Bedrohung angesehen werden, mit der die gesamte Menschheit am ehesten schlagartig ausgelöscht werden kann.

Zum Zustandekommen und der Bewertung dieses Rankings ist zu beachten: Es wurden ca. 1000 Fachleute aus dem WEF-Umfeld befragt. Der Vergleich mit früheren Jahren hinkt dabei, worauf von den Verfassern des Reports in der Fußnote auch ausdrücklich hingewiesen wird, denn die Definition der einzelnen Kriterien kann nicht unbedingt konsistent zurück verfolgt werden.

Als Fazit ergibt sich: Von den WEF-Befragten werden damit die Atomkriegsgefahren durchaus gesehen, aber in der Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens als eher gering bewertet. Zu bedenken ist natürlich auch, dass die meisten Teilnehmer dieser jährlichen Umfrage nicht die Befreiung der Menschheit von Geiseln wie Unterentwicklung und Naturkatastrophen im Sinn haben, sondern die Sicherung von Profiten aus kapitalistischer Ausbeutung. Und profitabel ist schließlich auch die Waffenproduktion sowie ein Waffeneinsatz, der die Produktion von Nachschub erfordert.

Ein wissenschaftlicher Anspruch ist mit diesem Report aus diesen und anderen Gründen deshalb natürlich nicht verbunden. Doch wie wird die Frage nach globalen Atomkriegsgefahr von Wissenschaftlern gesehen, die sich intensiv mit dieser Thematik befassen? Von diesen wird hierzu symbolisch die Weltuntergangsuhr (Doomsday Clock) in der Zeitschrift „Bulletin of the Atomic Scientists“ (BAS) verwendet, um der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, wie groß ihrer Meinung nach die Wahrscheinlichkeit hierfür besteht. Sie spielt auf die Metapher an, es sei „fünf Minuten vor Zwölf“, sprichwörtlich für wenn ein äußerst nachteiliges Ereignis unmittelbar droht [3]. Angekündigt ist, dass am 24.01.2019 die Uhr erneut ausgerichtet wird.

Zuletzt wurde im Januar 2018 die Weltuntergangsuhr (Doomsday Clock) neu eingestellt: Sie steht jetzt auf zwei Minuten vor Zwölf. Das letzte Mal, als die Gefahr eines Weltuntergangs so hoch eingeschätzt wurde war 1953 - nach der Bau der Wasserstoffbombe. Die Begründung der Uhrumstellung Anfang 2018 von zweieinhalb zu zwei Minuten vor Zwölf: In 2017 haben es die führenden Politiker der Welt nicht geschafft, effektiv auf die Bedrohungen durch Atomkrieg und Klimawandel zu reagieren. Damit steht es um die Situation der Weltsicherheit schlechter als im Jahr zuvor. Das Risiko, dass nukleare Waffen benutzt werden - absichtlich oder auf Grund von Fehlkalkulation - hat sich 2017, durch die Interaktionen der USA mit Nordkorea oder Russland deutlich vergrößert.

Aktuell ergibt sich eine weitere Zuspitzung der atomaren Bedrohung durch die geplante Kündigung des INF-Vertrages durch die USA, was einen neuen atomaren Aufrüstungsschub auslösen wird. Nur ein schwacher Trost ist aktuell, dass die noch vor einem Jahr vorhandene Zuspitzung zwischen den USA und Nordkorea abgenommen hat.

Im Unterschied zur globalen Atomkriegsgefahr stellen heute Umweltzerstörung und Klimawandel bezüglich der Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens sicherlich die größere Menschheitsbedrohung dar und sind in fast allen Teilen der Welt mittlerweile auch wahrnehmbar. Bei der Atomkriegsgefahr gibt es hingegen ein Wahrnehmungsdefizit. Massenvernichtungswaffen sind zudem auch nur die Spitze des Eisberges der weltweiten Rüstungsausgaben, die bereits 2016 bei 1,7 Billionen US$ lagen, während im gleichen Zeitraum für erneuerbare Energien nur 242 Mrd. US$ ausgegeben wurden [4]. Das heißt: Der Verschwendung vorhandener finanzieller und materieller Ressourcen für Militärmaschinerien zur potenziellen Vernichtung der Menschheit steht immer noch ein dramatisches Defizit bei den Ressourcen gegenüber, die jetzt dringend gebraucht würden, um Klimawandel und massive Umweltzerstörung doch noch aufzuhalten. Möglich ist dieses nur durch den Schulterschluss unterschiedlicher zivilgesellschaftlicher Bewegungen, damit die gemeinsamen Ursachen angegangen werden, die in Machtverhältnissen liegt, wie sie auch bei dem jährlichen WEF in Davos sichtbar werden. Zu denjenigen Teilnehmern der diesjährigen Tagung, von denen man noch am ehesten eine kritische Sicht bzw. Unterstützung der Zivilgesellschaft erwarten kann, gehört vielleicht der UN-Generalsekretär Antonio Guterres. Bereits vor einem Jahr erklärte dieser in einer Neujahrsansprache wörtlich: „Ich warne - Alarmstufe rot für unsere Welt. Konflikte haben sich vertieft und neue Gefahren sind aufgetreten. Globale Ängste vor Atomwaffen sind am stärksten seit dem Kalten Krieg. Der Klimawandel bewegt sich schneller als wir. ….“ [5]

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[1] http://www3.weforum.org/docs/WEF_Global_Risks_Report_2019.pdf

[2] Ein Beispiel dafür ist der ausführliche Artikel in der Online-Ausgabe der Welt vom 16.1. Siehe https://www.welt.de/wirtschaft/article187152984/Global-Risks-Report-WEF-Experten-so-pessimistisch-wie-noch-nie.html

[3] https://www.atomwaffena-z.info/glossar/d/d-texte/artikel/9dce2434dd/doomsday-clock.html

[4] Quellen: SIPRI-Jahrbuch und Agentur für erneuerbare Energien

[5] siehe dazu: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/011196.html

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